8698 The League Of Extraordinary Gentlemen

Klischeehaft betitelten Berichten über das zwölfte Hamburger Comicfestival in dessen Vorfeld zum Trotz stellte sich die Zukunft des Comics aus hanseatischer Sicht erfrischend frei von Stereotypen dar. Ob der Comic allerdings jemals aus dem kollektiven Schablonen-Gefängnis diverser Berichterstatter entkommen kann, in dem er, beaufsichtigt seit Jahrzehnten von Wachpersonal, das sich wahlweise aus Donald Duck, Asterix und Superman rekrutiert, ist weiterhin unklar.

Klar ist allerdings, dass in den sich endlos wiederholenden Einleitungen von Artikeln der Knallpresse zum Thema Comic zumindest eine Sache den Ist-Zustand der Kunstform adäquat widerspiegelt: Das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern hat Bestand – daran ändern auch Varianten, in denen Prinz Eisenherz, Batman oder Tim und Struppi als Andockpunkte für die durchweg als extrem unbeschlagen eingeschätzten Leser*innen angeboten werden, nichts – stets sind es männliche Figuren, die in derartigen Settings Verwendung finden, und wenn mal ein Hund dabei sein sollte, ist es garantiert ein Rüde.

 

No Woman, No Outcry

 „Rüde“ ist auch ein schönes Stichwort für den Umgang mit ihrer Arbeit, dem sich Aminder Dhaliwal in Kommentaren zu ihren Comics über eine Welt ohne Männer, gepostet in sozialen Netzwerken, ausgesetzt sah. Was sie zu einer weiteren Trümmerfrau innerhalb der Comics macht, denn wie schon nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind es Künstlerinnen, welche die Hauptlast beim Wiederaufbau der von kämpfenden Männern hinterlassenen Ruinen schultern. Ein Problem, mit dem vor allem im Comic aktive Frauen, aber ebenso nicht-weiße oder andersgeschlechtliche Personen nicht erst seit der sich gegen alles irgendwie von einer heteronormativen Norm abweichende und als Comicsgate firmierenden Bewegung konfrontiert sind.

div">>Wenn der Blickfang zum Gefängnis wird: Whitney Bursch inszeniert den Male Gaze.
Wenn der Blickfang zum Gefängnis wird: Whitney Bursch inszeniert den Male Gaze.Foto: Promo

So plauderte Dhaliwal in einer ihrem Comicdebüt „Woman World“ gewidmeten Veranstaltung nach der Lesung aus eben jenem über ihren Werdegang vom Storyboard Director für Disney-Trickfilm-Produktionen – dabei mit der von ihr als unzulänglich empfundenen Qualität der Zeichnungen in ihrem Comic kokettierend, die sie auf Post-It-Zetteln entwirft, um sie anschließend auf Instagram zu posten – zur Autorin eines beim kanadischen Verlag Drawn & Quarterly verlegten eigenen Comics in Buchform. Die im Zug der Veröffentlichung stattgefundenen Veränderungen warfen erhellende Schlaglichter auf die Situation von Frauen in der Unterhaltungsindustrie: Dhaliwals Urteil beispielsweise ist innerhalb ihres Hauptjobs seitdem mehr gefragt, Männer müssen dafür meist nicht erst einen eigenen Comic verfassen.

Wichtiger noch war jedoch ihre Aussage bezüglich einer sich schleichend und unwillkürlich manifestierenden Versuchung zur Selbstzensur in Folge eingehender Hasskommentare durch Trolle; eine Reaktion auf die ständigen Androhungen von Vergewaltigung oder Mord.

Und das alles wegen eines erstmals am Internationalen Frauentag 2017 veröffentlichten Comics, der ein nicht gerade unübliches Science-Fiction-Szenario durchspielt, also quasi „Y – The last Man“ minus Eins, um mal im Comicbereich zu verbleiben.

Dhaliwals Comic ist formal eher dem Strip zuzuordnen, eingebettet in eine Rahmenhandlung sind für sich stehende einzelne Folgen zu lesen, die mal mehr oder weniger gelungene Pointen zu bieten haben. In sparsamer Linienführung wird mit sicherem Gespür für ein Minimum an Notwendigkeit innerhalb der Darstellung ein mitunter erhellender Blick aus der Zukunft auf unsere von Männern dominierte Gegenwart geworfen, der im banalen Kalauer oder sentimentaler Anwandlung Auflösung finden kann. Die Idee, die Entdeckung einer früheren Dildo-Fabrik als letzten verzweifelten Versuch der Entwicklung männlicher Androiden durch die vom Aussterben bedrohten Männer zu interpretieren, ist allerdings schlichtweg brillant.

 Still und starr ruht der Blick

 Die Ausstellung „Comic*Gender“ präsentierte Ausschnitte von Kurzcomics über Körperverständnis, Sexualität sowie den respektvollen Umgang miteinander, die aus einer gleichnamigen Anthologie stammen. Entstanden in einem Workshop der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, wurden dabei, so im Vorwort nachlesbar, „gestalterische Möglichkeiten des Umbruchs entdeckt, die das Medium Comic bietet“.

Ein löbliches Unterfangen, wenngleich der Überhang zum Traktat hier augenfällig wird. So ist die Erklärung des Male Gaze – also der männliche Blick, der Kontrolle, Objektifizierung sowie die Sexualisierung von Frauen beinhaltet, und welcher zudem auf Grund des Missverhältnisses der Geschlechter in allen Bereichen der Gesellschaft vorherrscht, inklusive von dessen Dominanz in den Medien – zwar sehr detailliert ausgefallen, jedoch sind die von Whitney Bursch in einem stark an Aisha Franz erinnernden Zeichenstil oft nur Verbildlichungen des erläuternden Textes.

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Home is where the hair is: Eliza Wagener geht ihren Weg.Foto: Promo

Wichtig ist das natürlich trotzdem, allein deshalb, weil es die nicht nur gegenüber Aminder Dhaliwal immer wieder geäußerten Vergewaltigungsdrohungen erklärt, die den Tätern als probates Mittel des Zurechtrückens von den aus ihrem Blickwinkel ausscherenden und sich somit von der Objektifizierung in die Autonomie begebenden Frauen erscheint.

Das Manko dieser künstlerischen Vorgehensweise aber ist, dass dem bereits textlich dargelegten Sachverhalt visuell wenig bis nichts hinzugefügt und damit dem Medium Comic ein Bärendienst erwiesen wird – weil dessen Möglichkeiten ungenutzt bleiben sowie die Leser*innen in die Nähe zu den bereits erwähnten und als unbeschlagen eingeschätzten Rezipient*innen der Knallpresse gerückt werden. Diesem Missverständnis, im Dienst der guten Sache zu viel zu erklären und dabei wenig über das Visuelle zu vermitteln, erliegen einige der Teilnehmer*innen des Workshops. Und leider laufen sie damit in die Falle, die Klientel über das Thema, aber nicht über die Stärken der Kunstform abzuholen.

Ilka Flanze wiederum startet ihren Beitrag über gendergerechte Sprache zunächst recht überzeugend und ist sich in der Wahl ihrer Stilmittel durch vom Wort zum Bild reichenden und im Lesefluss nicht mehr wahrnehmbaren Übergängen innerhalb der Seitenkomposition recht sicher. Das Thema beiläufig in Dialoge einzuflechten, wirkt überzeugend und unaufdringlich, was die Akzeptanz oder zumindest das Interesse für derartige Themen sicherlich auch bei Skeptikern erhöhen dürfte. Auf den letzten Metern jedoch kippt der innovative Ansatz zugunsten eines nur noch pro Forma in Sprechblasen gesetzten Statements, was bedauerlich ist.

Der überzeugendste Beitrag stammt von Noëlle Kröger, die eine Analogie für ihr Anliegen der Ungleichbehandlung bei den Insekten – hier Ameisen – findet und diese charmant und überzeugend zu gestalten weiß, Sehr gut ist auch Eliza Wagener, die sich stilistisch zwar noch etwas von Amanda Vähämäkis Einfluss freischwimmen muss, die aber die grafische Inszenierung ihres Themas Körperbehaarung fast wortlos inszeniert und ein Gespür für Spannungserzeugung durch den geschickten Einsatz von grafischen Perspektiven besitzt.

 

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Wirkt mitunter wie ein Brettspiel: Larissa Hoffs Interpretation von Margaret Cavendishs 'The Blazing World'.Foto: Promo

Wer hat's erfunden?

Larissa Hoffs Illustrationen zu Margaret Cavendishs „The Blazing World“ (1668), dem ersten von einer Frau verfassten utopischen Werk, welches sich zudem dem Feminismus widmet, wirkte ein wenig so, als ob Juliacks „Architecture of an Atom“ plötzlich als Ligne-Claire-Remix angelegt hätte.

Die Satelliten-Ausstellung sorgte jedenfalls dafür, dass die aufwändig inszenierten Großbilder mit einer Unmenge an farbigen Details – und bei denen besonders der Einsatz der schwarzen Flächen imponiert – angemessen zu betrachten waren. Die Buchausgabe mit dem Text von Cavendish, ergänzt um Hoffs Bilder, war laut Auskunft der Ladeninhaber leider nicht zu erwerben, vermutlich handelt es sich um ein eigens für die Ausstellung angefertigtes Einzelstück.

Die Frage, wie rar diese Veröffentlichung Cavendishs ist, ob sie Mary W. Shelley den Titel der Mutter der Science-Fiction streitig macht oder warum Alan Moore und Kevin O'Neill dem Buch in ihren Comics über die „League of Extraordinary Gentlemen“ ihre Referenz erwiesen, brauchen hier aber nicht weiter zu interessieren; zwei Frauen unter den Pionieren der Zukunftsliteratur sind doch was.

div">>Die Männer richtig zappeln lassen: Mit Margaux Bigous André E kein Problem.
Die Männer richtig zappeln lassen: Mit Margaux Bigous André E kein Problem.Foto: Promo

Und es gäbe noch einiges mehr zu berichten, wenn nicht einige Ausstellungsorte etwas weit auseinander gelegen hätten und zudem an die jeweiligen Ladenöffnungszeiten gekoppelt gewesen wären. Beim Stadtplan im Begleitheft fehlte leider oben ein Stück, und die Erwähnung der wichtigen U-Bahn-Station in der Nähe von Planten un Blomen hätte eine Taxifahrt zum Panel mit Aminder Dhaliwal überflüssig machen können. Für Ortskundige mag das leichter sein, aber bei einem Jahr um Jahr wachsenden interessanten Angebot wäre eine Zentrierung doch wünschenswert.

Das würde zudem ein längeres Verweilen im Herzstück des Festivals ermöglichen, der Verlags- und Ausstellermesse im Kölibri. Dort, gleich beim Betreten, war übrigens Margaux Bigou anzutreffen, die unter anderem Bastelbögen anbot, in dem Männer einen wichtigen Zweck erfüllen, nämlich herumhampeln. Neben feuriger Kolorierung und einem emblematischen Schriftzug, der das Auge im Sturm nimmt, ein ironischer Kommentar zur Macher-Attitüde einiger Mannsbilder. Doch da seien die Kotburschen vor.

Source : https://www.tagesspiegel.de/kultur/comics/comicszene-mehr-als-daisy-duck/23171638.html

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