1946 Existenz

Nach beinahe 60 Jahren fanden drei Geschwister wieder zusammen, die seit sechs Jahrzehnten nichts voneinander wussten.

Berndorf anno 1946: Ein junges verliebtes Pärchen, sie eine waschechte Österreicherin, er ein gut aussehender russischer Fallschirmspringeroffizier der Roten Armee und Besatzungsmitglied. Dahinter verbirgt sich nach dem Kriegsende, wie bei vielen anderen auch, ein echtes Liebesdrama.

„Immer, wenn ich nach meinem richtigen Papa fragte, antwortete meine Mutter nur mit einem stillen Lächeln.“ Ludmilla Kronfellner.

Den russischen Besatzungsmitgliedern waren Beziehungen zu österreichischen Frauen untersagt. Daher musste der damals 23-jährige russische Soldat Stepan Gorelov nach Bekanntwerden seiner Beziehung sofort das Land verlassen. Die 22-jährige Freundin Friederike Pittino (später Gritsch), die mittlerweile sogar schwanger war, blieb todunglücklich zurück. Zum ersten Geburtstag der kleinen Tochter Ludmilla im Jahr 1948 kam noch eine Grußkarte, doch danach gab es kein Lebenszeichen mehr vom Vater.

Ludmilla wuchs heran und Mutter Friederike heiratete. So trat Stiefvater Karl in ihr Leben, doch immer wieder erkundigte sie sich bei ihrer Mutter nach dem „echten“ Papa.

Die Geschwister Viktor Gorelov und Ludmilla Kronfellner fanden einander erst nach 60 Jahren.  |  Holzinger Presse

„Trotz meines sehr liebevollen Stiefvaters habe mich immer sehr nach meinem echten Vater gesehnt und ich habe alle Kinder ein bisschen beneidet, die einen richtigen Vater hatten. Außerdem wollte ich unbedingt wissen, wer er überhaupt war. Damals habe ich meine Mutter nicht verstanden, doch heute weiß ich, dass sie mich mit ihrem ausweichenden Lächeln nur schützen wollte“, so Ludmilla Kronfellner, die Tochter des russischen Soldaten.

„Heute ist man da ja glücklicherweise schon wesentlich offener. Aber früher war man als Russenkind abgestempelt und ich habe sehr oft darunter gelitten. Kinder können ja sehr grausam sein und manche haben mich das schon spüren lassen“, so die heute 71-Jährige.

Nach dem Tod der Mutter im Jahr 1991 fand Kronfellner Unterlagen von ihrem richtigen Vater. Darunter befand sich auch die Karte, die sie zu ihrem ersten Geburtstag erhalten hatte. Nun begann sie, eigene Nachforschungen anzustellen und fuhr zur russischen Botschaft. Dort gab Ludmilla die einzige Adresse an, die sie wusste – und zwar Moskau.

Die Suche in Moskau war ein Misserfolg

„Leider war das falsch und man fand natürlich niemanden mit dem Namen Gorelov. Entmutigt dachte ich, dass auch mein Vater bereits gestorben sein muss, bis ich 2005 vom österreichischen Roten Kreuz einen Brief erhielt, den ich eigentlich schon ungelesen weggeben wollte. Mein Sohn Andreas las ihn damals und merkte, dass meine russischen Halbgeschwister nach dem Tod meines Vaters nach mir suchten.“

Auch sie wussten bis zu dessen Tod im Jahr 2003 nichts von Ludmillas Existenz in Berndorf. Sie fanden Unterlagen, aus denen klar und deutlich hervorging, dass Stepan seine Friederike nie vergessen hatte – und dass er sich stets nach seiner Berndorfer Familie gesehnt hatte.

Andreas Kronfellner versteht sich prächtig mit seinem „neuen“ Schwager Viktor Gorelov.  |  Holzinger Presse

Nachdem die weißrussische Hauptstadt Minsk ja nicht gleich ums Eck ist, gab es erst einige Jahre später ein erstes Treffen. Ludmilla Kronfellner machte sich auf den weiten Weg, um die Familie ihres Vaters kennenzulernen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich von meiner Schwester Olga und meinem Bruder Viktor und ihren Familien so herzlich aufgenommen werde. Seitdem haben wir regelmäßigen Briefkontakt und ich freue mich mächtig, dass jetzt mein Bruder erstmals zu Besuch kam“.

Tatsächlich fuhr Viktor Gorelov 24 Sunden lang mit dem Autobus von Minsk ins ferne Österreich und stand, völlig überraschend, am 21. Oktober um 22 Uhr vor der Türe. Die Freude war natürlich riesengroß und Bruder Viktor war von Berndorf und den Menschen total begeistert.

Die beiden Russinnen Valentina Kryezin und Theresa Kraczkowska halfen beim Übersetzen.  |  Holzinger Presse

„Ich liebe Wodka, Bier und Wein, gehe gerne spazieren und fahre Rad. Meine Schwester Olga und ich haben uns mächtig über die Existenz unserer Halbschwester Ludmilla gefreut. Wir fühlten uns nach dem Tod unseres Vaters natürlich verpflichtet, sie zu suchen“, lacht der gesellige Viktor Gorelov, der Berndorf in der Zwischenzeit wieder verließ. Aber der Kontakt der neu zusammengefundenen Familien wird auf jeden Fall aufrecht erhalten...

Source : https://www.noen.at/baden/berndorf-eine-liebe-die-nicht-sein-durfte-russenkind-friederike-pittino-stepan-gorelov-125465567

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