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Dem Aussterben des Nördlichen Breitmaulnashorns konnte man zuschauen. Im März starb das letzte noch lebende männliche Exemplar. Sudan war sein Name, er wird überlebt von seiner Tochter und von seiner Enkelin. Fortpflanzen können die beiden sich nicht mehr. Damit gilt die Art als technisch ausgerottet.

Dass Arten aussterben, gehört zur Evolution. Genauso wie das Entstehen neuer Arten: Immer wieder gibt es winzige Unterschiede zwischen Eltern und Nachkommen. Über viele Generationen summieren sich diese Unterschiede auf, werden zu neuen Eigenschaften. Eventuell verschaffen die neuen Eigenschaften ihren Besitzern Vorteile – eventuell sind das irgendwann so viele, dass schließlich neue Arten entstehen.

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Dem Stammbaum des Lebens wächst dann ein neuer Zweig. Über noch längere Zeit kann daraus ein Ast werden. Aus ihm sprießen vielleicht wieder neue Zweige. So können sich die Lücken schließen, die ausgestorbene Arten hinterlassen. Die Baumkrone bleibt dicht. Das Gleichgewicht zwischen verlorenen und neuen Arten kann sich wiederherstellen. Zumindest theoretisch.

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Aber wie lange würde es dauern, bis die Vielfalt von Säugetieren, die es auf der Erde gab, bis der Mensch in die Natur einzugreifen begann, wiederhergestellt ist? Diese Frage veranlasste Evolutionsbiologen aus Skandinavien zu einer Modellrechnung.

Das Ergebnis, von dem die Forscher um Matt Davis von der Universität Aarhus im Fachblatt „PNAS“ schreiben, ist ernüchternd: Über 300 Säugetierarten wurden von Menschen in den vergangenen 130.000 Jahren ausgerottet. Ihre Entstehung brauchte insgesamt mehr als 2,5 Milliarden Jahre Evolutionsgeschichte. Mehr als 1200 weitere Arten gelten heute als gefährdet und könnten in den kommenden Jahrzehnten aussterben. Doch allein um die bisher verlorene Vielfalt wiederherzustellen, so die Forscher, bräuchte es mehrere Millionen Jahre der Regeneration.

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Die Forscher errechneten, wie lange es gedauert hat, bis die heute ausgerotteten Arten im Stammbaum des Lebens entstanden waren. Und sie berechneten, wie lange es dauern würde, bis eine gleichwertige Vielfalt wiederhergestellt wäre. Dabei bezogen sie bereits ausgestorbene Arten ein und solche, die in den kommenden 50 Jahren höchstwahrscheinlich aussterben werden.

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Der Verlust mancher Arten schlägt in dieser Rechnung stärker zu Buche als der anderer – weil sich diese Arten besonders stark von anderen unterscheiden. Im Stammbaum des Lebens bilden sie keine Zweige, sondern ganze Äste. Wird so ein Ast abgeschnitten, bräuchte sein Nachwachsen länger.

Ein tragischer, aber relativ geringer Verlust wäre etwa das Aussterben des südamerikanischen Dreifinger-Zwergfaultiers. Weil es andere Faultierarten gibt, von denen es sich evolutionsbiologisch wenig unterscheidet, ginge mit seinem Ende vergleichsweise wenig Vielfalt verloren.

Vom einst großen Elefanten-Ast leben dagegen heute nur noch zwei Arten. Sterben sie aus, geht damit wesentlich mehr Vielfalt verloren. Ihr Verlust würde deshalb in der Rechnung schwerer wiegen. Es sei daher sinnvoll, schreiben die Forscher, Schutzmaßnahmen auf Arten zu konzentrieren, die evolutionsbiologisch besonders außergewöhnlich sind. Sie räumen aber auch ein, dass man nicht abschätzen könne, welche Folgen das Aussterben einer Art für ein ganzes Ökosystem hat.

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Selbst wenn man alle Faktoren, die derzeit gefährdete Arten an den Rand des Aussterbens drängen, auf einen Schlag aufheben könnte, bräuchte es drei bis fünf Millionen Jahre, bis die bisher verlorene Vielfalt wiederhergestellt wäre.

Doch keine Schutzmaßnahme kann jemals so erfolgreich sein. Und selbst, wenn in fünfzig Jahren gar keine Schutzmaßnahmen für Säugetiere mehr nötig wären, würde es fünf bis sieben Millionen Jahre dauern, bis die einstige Vielfalt zurückkehren würde.

Auch das ist aber rein hypothetisch. Es geht jetzt darum, überhaupt zu retten, was noch zu retten ist. Die Studie zeigt eindrucksvoll, dass man der Entstehung von Arten nicht zuschauen kann – anders als ihrer Ausrottung.

Source : https://www.welt.de/wissenschaft/article182506266/Arten-erholen-sich-vom-Menschen-in-fruehestens-drei-Millionen-Jahren.html

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